Gelehrtes Wissen - Reise - Aufzeichnungen. Hieronymus Münzer in der Nürnberger Wissensgesellschaft des 15. Jahrhunderts

Durch halb Europa zu reisen ist kein Privileg des modernen Tourismus. Zwar mussten im Spätmittelalter ein bis zwei Jahre dafür aufgewendet werden, doch wohlhabende Bürger, beispielsweise aus Nürnberg, konnten sich das leisten. Wie eine solche Reise verlief, schildert ein fünfhundert Jahre alter Bericht, der heutige Leser sicher noch ansprechen, überraschen, belehren und mitreißen kann - sobald er aus dem Lateinischen übertragen ist, wie es in einem Editionsprojekt unter der Leitung von Prof. Dr. Klaus Herbers am Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte der Universität Erlangen-Nürnberg derzeit geschieht.

"Ich glaube nicht, daß in Deutschland ein Freiherr oder Graf eine solche Ehre erweisen kann". So fasste Ende des 15. Jahrhunderts der Nürnberger Arzt Hieronymus Münzer die Eindrücke zusammen, die ein außergewöhnliches Gastmahl in Spanien bei ihm hinterlassen hatte. Im September 1494 war er in Barcelona, als ihn Landsleute zum Essen einluden. Münzer vermerkt, er sei damals von deutschen Kaufleuten bei Musik und Tänzen "nach maurischer Art" auf das Edelste mit katalanischen Speisen bewirtet worden. Der Nürnberger war beeindruckt. In Spanien auf Deutsche zu treffen war nicht so ungewöhn-lich - viele hatten sich dort als Kaufleute oder Buchdrucker niedergelassen - ins Staunen jedoch versetzte ihn der luxuriöse Gebrauch, den seine Landsleute von der Kultur ihres Gastlandes zu machen wussten.

Der Aufenthalt in Barcelona war nur eine kurze Etappe in einem ereignisreichen Leben. Hieronymus Münzer wurde 1437 in Feldkirch (Vorarlberg) geboren. Nach einem Studium der artes liberales in Leipzig und der Promotion zum Doktor der Medizin in Pavia hatte er sich in Nürnberg niedergelassen. Als dort 1494 die Pest wütete, suchte Münzer sein Heil in der Flucht. Er ließ Frau und Kind in der Reichsstadt zurück und brach zu einer langen Reise auf, die ihn in den Jahren 1494/95 über die Schweiz nach Frankreich, Spanien und Portugal und schließlich in die Niederlande führte.

Vergleich mit der Heimatstadt

Über die Stationen von Münzers Weg sind wir genau informiert: In seinem lateinischen Reisebericht (Itinerarium) beschreibt der Arzt, was er alles sah und erlebte. Erstaunlich ist die Vielfalt seiner Interessen, die den unterschiedlichsten Aspekten politischen, wirtschaftlichen und sozialen Lebens gelten. Der Nürnberger beschreibt fremde Völker und exotische Produkte aus fernen Ländern genauso, wie er minutiös arabische und spanische Wörter wiedergibt. Er verliert bei all dem seine Heimatstadt nicht aus dem Blick, deren Bürger ja auch Leser seines Reiseberichts waren. Vielleicht ist gerade deshalb der Vergleich für Münzer so wichtig, etwa wenn er spanischen Bauten Nürnberger Kirchen gegenüberstellt. Der literarische Niederschlag, den solche Beobachtungen fanden, ist eine hervorragende Quelle nicht nur für die Reisen Nürnberger Bürger Ende des 15. Jahrhunderts und die Geschichte der von Münzer bereisten Länder, sondern auch ein Zeugnis für regionale Ausgangspunkte und Wahrnehmungsperspektiven der sogenannten "europäischen Expansion" um 1500.

Angesichts dieses Aussagewertes verwundert es, dass Münzers Reise bisher kaum Gegenstand umfangreicher Studien war. Das wird sich nun bald ändern. Denn dem Reisebericht des Hieronymus Münzer gilt ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft seit dem 1. Januar 2003 gefördertes Arbeitsvorhaben am Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte. Ziel des Projekts, an dem Sofia Seeger und Dr. Randall Herz mitarbeiten, ist zunächst eine kritische Neuedition des lateinischen Itinerarium. Dieser Text soll durch eine deutsche Übersetzung zugleich einem größeren Leserkreis zugänglich gemacht werden.

Erdapfel und Weltchronik

Weiter ist beabsichtigt, den Autor des Reiseberichts in sein regionales und kulturelles Umfeld einzuordnen. Nürnberg erlebte um 1500 eine Zeit geistiger Blüte. Davon zeugt nicht zuletzt ein Kreis kosmographisch interessierter Humanisten, in dem Münzer verkehrte. An einigen der bedeutendsten Leistungen dieses Gelehrtenzirkels wirkte der Arzt aus Feldkirch mit, etwa an dem als "Erdapfel" bezeichneten Globus Martin Behaims, der 1492 vollendet wurde, und an der ein Jahr später gedruckten Schedelschen Weltchronik.

Abgesehen von dieser Nürnberger Seite des Hieronymus Münzer verfolgt das neue DFG-Projekt das Ziel, den Reisebericht unter inhaltlichen Gesichtspunkten auszuwerten. Hierzu zählen etwa das Phänomen der Reisen und Reiseliteratur um 1500, die Geschichte der von Münzer besuchten Regionen und die vielfältigen Beziehungen zwischen Deutschland und der Iberischen Halbinsel.

Projektleitung: Prof. Dr. Klaus Herbers

Mitarbeiter: René Hurtienne, Dr. Miriam Montag-Erlwein, Dr. Sofia Meyer, Andrea Beck, M.A., Dr. Randall Herz

Projektlaufzeit: 2003-2006